Sie lernen’s einfach nicht

April 12, 2010 by Michael Fritz
Filed under: Ansichten 

Ich bin leicht angeödet. Falls wer meine älteren Artikel durchgestöbert hat, kennt er mich als Spielefan erster Stunde. Über Atari 2600, c64, c128 und Amiga führte der Zockerweg über die Jahre hinweg stetig in den PC-Bereich und anheimelnder “Turbo-Taste” hinein; und obwohl es mich nach und nach hauptsächlich in die Netzwerkecke verschlagen hat, zocke ich trotz und samt Zeitproblem auch heute noch hie’ und da ganz gerne.

Von Schleichereien und Simluationen

Zwei Genres haben es mir besonders angetan: Schleichspiele, genauer gesagt die Splintercell-Reihe und Simulationen. Der Markt, insbesondere für Simulationsfans, ist allerdings doch recht überschaubar. Vielen Spielern schlafen die Füße schon beim Gedanken an “Zug fahren” oder “U-Boot spielen” ein. Nun ja, jeder wie er mag.

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Griff in die Zockerkiste

Nachdem der von Fans lange erwartete Nachfolger der Zugsimulation “Trainsimulator” von Microsoft nach einigem hin und her eingestampft wurde, liegen einige Erwartungen von Genrefreunden auf dem französischen Spiele-Publisher Ubisoft. Der nämlich hat einige lang erwartete Entwicklungen in der Pipeline, die teils schon im Laden liegen oder in Kürze dort liegen werden. Konkret interessieren mich die Titel “Silent Hunter 5“, eine U-Boot Simulation, “Assassins Creed 2” ein mittelalterliches 3rd Person Action Spektakel und das erwähnte “Splintercell“, ein Schleichspiel, dessen Vorgängertitel hohe Erwartungen schüren. Andere könnten  der Fortsetzung “die Siedler 7” oder der “Prince of Persia-Reihe” entgegen schmachten.

Leider hat Ubisoft mich als Kunden verloren. Der Grund hierfür ist ein vieldiskutierter Kopierschutz, der für das Spielen der Titel zwingend eine Internetverbindung voraussetzt – und zwar nicht nur um sich zu registrieren, sondern permanent. Das heißt umgekehrt, wenn die Server von Ubisoft kurzzeitig während des Spiels nicht erreichbar sein sollten, unterbricht das Spiel und wartet so lange, bis die Server wieder da sind. Falls man in dieser Phase das Spiel beendet, ist der Spielfortschritt bis zum letzten “Checkpoint” verloren. Nur der Vollständigkeit halber: Wir sprechen hier nicht von einem Multiplayer-Onlinespiel, welches eine permanente Internetverbindung (logischerweise) voraussetzt.

Warum versucht Ubisoft, seine Kunden derart zu gängeln? Es liegt offensichtlich an den “Verbrechern“, aka Raubkopierern. Während in einschlägigen Foren schon die ersten “Kekse”* die Runde machen und es über kurz oder lang ohne Einschränkungen spielbare Raubkopien geben wird, ärgert sich indes der ehrliche Kunde (ich verallgemeinere spontan) mit zusammenbrechenden Internetverbindungen rum. Weiterhin dürfte es jenem wiederum völlig egal sein, weshalb das Spiel abbricht – sei es das heimische WLAN, der Provider oder auch ein Angriff auf die Ubisoft Server.

Heftige Rezensionen

Ich habe noch nie so viele schlechte Rezensionen für ein Game bei Amazon gesehen, würde aber – so ich mir ein derartiges Spiel gekauft hätte – auch nur in den Chor einstimmen können. Das Interessante an den Rezensionen: Obwohl es seit Jahren in Mode war/ist, halbfertige und verbuggte Spiele auf den Markt zu werfen, haben sich die Kunden daran gewöhnt. Man ist leidensfähig, ärgert sich und wartet halt auf die ersten Patche. Die allermeisten Rezensionen bemängeln jedoch in erster Linie den Kopierschutz.

Als blanken Hohn in der Sache geben irgendwelche Marketingmenschen  “die Freunde der Gamer” dann Interviews, in denen dieser Mist den Kunden als zusätzliches Feature verkauft wird. Man schüttelt ob dieser Frechheiten nur noch ungläubig mit dem Kopf – oder wie es heutzutage auch schon mal heißt: *Facepalm*

Der Aktionismus der Hersteller kommt nicht von ungefähr. Natürlich entgeht der Produktionskette ein Gutteil Einnahmen durch Raubkopien, das ist nicht wegzudiskutieren. Was also tun? Ich würde vorschlagen, erst mal zu nachzusehen, was man _nicht_ tun sollte. Vielleicht hätte sich Ubisoft einmal im Nachbarsegment Musik umsehen sollen, denn dort wurde das meiste doch schon durchzelebriert:

  • Kunden wollen keine Alben kaufen, sondern einzelne Musikstücke? Geht nicht.
  • Kunden wollen die Titel downloaden und nicht mehr auf einem Silberling kaufen? Von wegen.
  • Die Kunden wollen die Titel auf den Rechnern abspielen, auf denen es ihnen passt? Also Bitte! Wo denkst Du hin?!

Blöde Kunden aber auch. Der Ausgang und der Gewinner der Story ist übrigens Geschichte.

Was ich nicht verstehe, ist: Diejenigen, die das Teil mit aller Gewalt kostenfrei bekommen wollen, tun es auch. Also, lieber die “Verbrecher” gewähren lassen und gar nichts mehr tun? Doch! Ein simpler Kopierschutz, der es verhindert, den Datenträger mit jedem Haus und Hof-Brennprogramm zu kopieren, hält doch schon die meisten “Ottonormalverbrecher” davon ab, sich mit “Klauware” (ich weiß…) einzudecken. Alle anderen werden sich zurücklehnen und die Zeit arbeitet bis zur freien Verfügbarkeit des Titels für sie! Diejenige Spezies wird alles daran setzen, diese Software für Lau zu bekommen und es wird auch klappen.

Zudem sind 40 Euro für viele nicht mehr ganz junge Spielfreunde kein Investitionsvolumen mehr, welches auf ein halbes Jahr geplant wird. Wir leben in 2010. Wenn ich mitbekomme, das ein für mich interessanter Titel verfügbar ist, gehe ich schnurstracks auf die Webseite, erwarte einen Downloadshop mit den 10 verbreitetesten Bezahlmöglichkeiten und schiebe den Download an. “Full Speed ahead”, sozusagen. Gerne auch registriert und mit Fingerprint* für den Download – aber ohne irgendwelche extra Software, die sich wieder wasweißich wie tief ins OS eingräbt, nicht mehr gescheit runtergeht, alle Naselang aktualisiert, den Autostart verhunzt, dauernd nicht weiter spezifizierte Daten überträgt, und womöglich noch irgendwelche 3rd-Party Software ins System holzt, nur weil man mal wieder ein mikroskopisches Häkchen übersehen hat! Wäre das ein Ansatz?

Downloadshop – Schnell und günstig; Ladentheke mit Mehrwert?

Man fragt sich wirklich manchmal, wer hier wen bezahlt oder wer hier was von wem nötiger hat. Liebe Publisher, bitte vergegenwärtigen: Hier geht es um Unterhaltungssoftware und nicht um Brot!

Wie wär’s mit Mehrwert? Konsumenten, die in den Laden rennen und 40 oder mehr  Euro für eine Unterhaltungssoftware ausgeben, möchten seitens des Produkts gerne eine Schippe Optik & Haptik obendrauf bekommen. Insbesondere im Wissen, das alle, die eben keine Kohle ausgeben wollen und das gleiche Spiel letzten Endes trotzdem umsonst bekommen, möchten Zahlkunden eventuell wenigstens das Gefühl, irgendetwas besser gemacht zu haben. Dieses “besser gemacht” könnte in der Variante Ladentisch zum Beispiel in einer gut geschriebenen, ausführlichen Anleitung auf Papier(!) mit würdigem Storyrahmen, Karten usw. zum Ausdruck kommen. PDF-Scans und deren Wiederausdrucke sind eben nicht das gleiche. Heute bekommt auch der ehrliche Kunde  oftmals ein in Schnellbesohlung zusammengeflicktes PDF-Irgendwas, welches dem Begriff “Handbuch” die Tränen ins Vorwort treiben würde – so es denn könnte. Würden sich diesbezüglich rein hypothetisch ein paar Unterscheidungsmerkmale im Bewusstsein des Käufers positiv bemerkbar machen – und zwar nicht nur in der 20 Euro teureren “Collectors Box”?

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ein “Handbuch”

In welcher Variante auch immer – was mich als Kunden garantiert vom Kauf abhalten wird, ist eine Gängelung wie dieser Internetkopierschutz. Und offen gesagt will ich noch nicht einmal irgendwelche Szenarien konstruieren warum, weshalb und wo ich das redlich erworbene Spiel nicht spielen könnte. (Zug, usw.) Es geht hier ums Prinzip. Das Prinzip, dass Kunden nicht jede BWL- und marketing’sche Hirnflatulenz bis zum Anschlag einsaugen müssen – auch mit der Gewissheit in der Tasche, dass Ubisoft mein Gebaren und das vieler anderer ehemaliger Kunden 100 Meter rücklings vorbeigeht, solange es die Verkaufszahlen hergeben. Und selbst wenn die Verkaufszahlen anhand des Offensichtlichen einbrechen sollten, wird man einmal mehr dem Kunden die “Schuld” in die Schuhe schieben, der ja den “Mehrwert” dieser Aktion so überhaupt nicht begriffen hat.

Ubisoft Gaming Center

Eine Idee und Empfehlung, die ich und offensichtlich auch andere (“Ubisoft Cafe” in einer Amazon Rezension) bei dieser Aktion sofort hatte, möchte ich Ubisoft gerne als Tipp mit auf den Weg geben: Wie klingt der Bau von “Ubisoft Gaming Centers” in jeder größeren Stadt? Dort werden einige PCs mit Ubisoft Titeln vorgehalten, wo man die gekauften Spiele dann gegen Beleg, Personalausweis und einer fast geringen Nutzungsgebühr spielen dürfte. Neben dem immensen Schlag, den man der Piraterieszene hierdurch versetzen könnte, würden sich auch ganz neue wirtschaftliche Möglichkeiten (Franchise-Modelle fürs platte Land; optimierte Vertriebskosten: das Spiel müsste keinen Datenträger mehr sehen – bezahlen reicht…) und damit der darbenden, gebeutelten Spieleindustrie auftun.

Eine echte lose-lose Situation. *Facepalm*

* Kekse = in der “Szenesprache” Ausdruck für einen Codeschnipsel, der den Kopierschutz des Herstellers umgeht.

* Fingerprint = eindeutige Signatur, die die Rückverfolgung der Software zum Käufer erlaubt.

http://www.lowbird.com/all/view/2009/12/4chan-1261142193436

Comments

One Comment on Sie lernen’s einfach nicht

  1. Klaus Merzenich on Di, 21st Sep 2010 13:21
  2. Korrekt… Wenn ich eine Software kaufe. möchte ich auch ein HANDbuch. Ganz einfach ein Buch in dem auch für Dummy´s beschrieben, wie die Software intelligent installiert wird und nachher auch korrekt wieder entfernt werden kann.
    Spurenlos, wohl gemerkt. Was Gedrucktes auf dem Schoss ist was anderes wie auf dem immer viel zu kleinen Bildschirm hin und her zu schalten. Es soll ja auch Leute geben, die über einen 42Zoll-Desktop verfügen. Für meisten aber nicht die Regel. ciao

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