Top Manager!

März 3, 2009 by Michael Fritz
Filed under: Ansichten 

Was könnte man aus der Überschrift für diesen Artikel ableiten? Einen Bericht über stromlinienförmige, gierige, eiskalte Rechenmaschinen, die anderer Leute Geld verbrennen und sich zu Lasten der Belegschaft und der Öffentlichkeit noch nicht mal in der Lage sehen, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen?

Gibt’s sicher auch. Zur Genüge.

Ich möchte den Blick auf eine WDR Dokumentation zum Thema lenken, die vor ein paar Tagen wiederholt wurde. Die Dreharbeiten fanden schon im Frühjahr 2007 statt.

Stephan Biesenbach ist strategischer Einkäufer im Energiekonzern Vattenfall. Der Top Manager pendelt unter hohem Pensum zwischen den Metropolen der Welt. Sein Büro liegt in Berlin, die Familie wohnt in Hamburg  – und bekommt Vater/Ehemann selten zu Gesicht.

Die Kameras gewähren einen höchst privaten Einblick in das Leben der Biesenbachs. So wird ziemlich schnell deutlich, welche Konflikte das Spannungsfeld zwischen Karriere, Familie und Zeitmangel in sich birgt. Ehefrau Alexandra wollte eigentlich nie eine Wochenendbeziehung und macht mehr als einmal deutlich, wie unzufrieden sie mit der Situation ist – zumal es Ihrem Mann in der kurzen gemeinsamen Freizeit nicht gut gelingt, den Motor etwas zu drosseln. (Diese Situation hat wohl schon jeder mal erlebt.)

Fremd in der eigenen Familie?

In der Konsequenz entfremdet sich Tochter Sarah – und auch Sohn Jonas äußert aus Sicht des Vaters seinen Unwillen durch herumgemaule.

Stephan Biesenbach erkennt sehr wohl die verfahrene Situation, spricht einerseits von “sozialen Kosten” [heavy!!!] oder skizziert das Bild vom Hamster im Laufrad. Dennoch versucht er die Situation zu analysieren und Besserung herbeizuführen. So wolle er sich “in absehbarer Zeit” wieder mehr in Richtung Hamburger Heimat orientieren.

Als Nichtmanager muten diese Versuche zuweilen etwas seltsam an, da man den Eindruck gewinnt, der Protagonist sieht sich und sein Leben als Projektbestandteil und geht streng strukturiert an eine tief emotionale Sache heran. Für mich persönlich wird auch der ehemalige Bundeswehroffizier in Teilen sichtbar.

Zu alledem bekommt Biesenbach am Ende der Doku per Videoschalte ein “unmoralisches Angebot” von der Konzernleitung: Er soll auf der Karriereleiter eine Stufe nach oben steigen. Der Pferdefuß: In Stockholm – Ehefrau Alexandra ist “begeistert”…

Regisseur Marc Bauder gelingt in dieser Doku etwas besonderes. Portraits über Manager sind eigentlich immer aufgeladen. Dieses nicht. Durch die fehlende Polarisation wollte sich bei mir nach dem Ansehen der Sendung weder Neid, noch Mitleid, noch Missgunst einstellen. Der besondere Blickwinkel auf das Leben des Top-Managers ist kurzweilig und regt auch “Normalsterbliche” zum Nachdenken an. Kurz gesagt: Es menschelt – aber nicht unangenehm.

Nach dem Film schrieb ich ein paar Zeilen an Herrn Biesenbach. Gestern kam unerwartet eine ausführliche Antwort. Biesenbach schreibt, dass die Entwicklung bezüglich der im Film dargestellten Problematik sehr gut verläuft. Die Dokumentation selbst hat einen positiven Einfluss auf die Familie genommen und manche Dinge nachhaltig verändert.

Er hat den Job in Stockholm angenommen, aber gleichzeitig ein Büro nahe der Heimat bekommen. Damit trat vermutlich eine Verbesserung der zeitlichen Situation ein. Diese positiven Informationen waren wohl schon beim Dreh in 2007 vorhanden, fanden aber keinen Eingang in die Endfassung. (Dort sieht es so aus, als ginge Biesenbach um der Karriere Willen nach Stockholm und lässt die Liebsten frustriert in Hamburg zurück.)

Er reflektiert auch heute noch über die Situation und bemüht sich, alles in Einklang zu bringen / zu halten. Der Familie geht es gut.

Alles in allem: Sehr sehenswert!

Comments

3 Comments on Top Manager!

  1. Lasse Lopson on Fr, 29th Jan 2010 23:27
  2. Mittlerweile ist Biesenbach Opfer seines eigenen Lebensentwurfs geworden. Er ist verstorben.

  3. Michael Fritz on Sa, 30th Jan 2010 00:02
  4. Hallo Lasse, würdest Du mich bitte kurz anmailen. Ich konnte auf die Schnelle keine Belege googeln und von daher den Kommentar nicht freischalten.

    Gruß & Danke,

    Michael

  5. Michael Fritz on Sa, 27th Mrz 2010 15:00
  6. Nochmal Hallo,

    ich habe die traurige Nachricht eben im online Auftritt des Hamburger Abendblatts entdeckt.

    Gruß,

    Michael

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